Online-Gschichtl Nr. 30

Das Sgraffitohaus

Im Vorjahr wurde beim Kalkofen Baxa im Rahmen des Museumsfrühlings ein Workshop zur Sgraffitotechnik angeboten, der auf viel positive Resonanz stieß. Diese besondere Technik der Fassadengestaltung hat in Mannersdorf eine noch länger zurückreichende Tradition, wie das Sgraffitohaus an der Hauptstraße beweist – anregt durch Ava Pelnöcker erklärt Michael Schiebinger, was es mit der Technik und dem Haus auf sich hat.

Das Sgraffito ist eine alte Handwerkstechnik, die, wie der Name verrät, aus Italien stammt. Im Florenz des 14. Jahrhunderts ging man daran Fassaden mittels Ritztechnik zu gestalten, man spiegelte dabei mit Mitteln der Illusion eine Gliederung der Fassade vor und sparte sich so eine teure Ausführung in Stein. Durch die Ritzungen in den Putz konnten Steinquader vorgetäuscht werden oder üppige Fensterrahmungen, mit der Zeit kamen aber auch figürliche Darstellungen und Ornamente hinzu. Die anfängliche Sparvariante entwickelte sich so zu einer selbstständigen Form der Fassadengestaltung. Zunächst wurden noch einschichtige Putzritzungen vorgenommen, dieses Kratzen gab der Technik den Namen (ital. „graffiare“ – dt. „kratzen“). Später wurden zwei Putzschichten unterschiedlicher Farbgebung genutzt, sodass durch das Wegkratzen bestimmter Teile der obersten Schicht die untere, hellere oder dunklere Schicht zum Vorschein kam. Von der Toskana aus verbreitete sich diese Technik immer weiter Richtung Alpenraum. Besonders verbreitet sind die mit Sgraffitoarbeiten verzierten Häuser in Teilen Niederösterreichs (Waldviertel und Eisenwurzen, aber auch in Oberösterreich, Böhmen und Mähren. Neben Schlössern und anderen Repräsentationsbauen leisteten sich auch zusehends Bürger in Städten und Märkten diese besondere Gestaltungsvariante. Die Blüte des Sgraffitos war nördlich der Alpen im 16. Jahrhundert, neben biblischen Szenen, die Boten der Reformation waren, wurden auch Alltagsszenen, Krieger und geschichtliche Ereignisse szenisch dargestellt. Im Barock und frühen 19. Jahrhundert war die mittlerweile altertümliche Technik nicht mehr gefragt, erst der Historismus mit seinem Rückbezug auf vergangene Zeiten und Stile ließ die Technik punktuell wiederaufleben. Zwischen 1950 und etwa 1980 kam nochmals ein Revival, bei dem alte und neue Bürgerhäuser mit Sgraffitoarbeiten behübscht wurden, manchmal als billige „Fakes“ mit Farbe, aber ohne Ritzung oder Putzschichtung.

In unserer Region sind nur wenige historische Sgraffitohäuser erhalten geblieben, eines davon ist jenes an der Mannersdorfer Hauptstraße gegenüber dem Schloss. Das kleine, giebelständige Haus aus lokalem Bruchstein weist eine straßenseitige Fassade mit Sgraffitoarbeiten auf. Ein Band mit Drachenornamenten und Landsknechtdarstellungen umgibt die zwei Erdgeschossfenster. Ein Gesims darüber leitet zu einer Zinnenleiste über, mit Schwalbenschwanz- und Rundbogenformen. Ein horizontales Band am Giebel wiederholt die bisher bekannten Darstellungen.

Über die Geschichte des Hauses oder seine Besitzer ist bis heute recht wenig bekannt, sicher ist, dass das Gebäude erstmals 1565 im herrschaftlichen Urbar (Grundbuch) erwähnt wurde. Der Streckhof dürfte im Kern aus dem 16. Jahrhundert stammen, wie stilistische Details, die Nennung 1565 und die Landknechtsszenen vermuten lassen. Im Zuge der Kuruzzeneinfälle dürfte es mit den anderen Häusern des Marktes ausgebrannt sein. Womöglich wurde bereits damals eine Übertünchung der Sgraffitoarbeiten vorgenommen, zumal diese damals nicht mehr dem barocken Zeitgeschmack entsprachen. Alte Fotografien zeigen das Haus, dessen Sgarffitodarstellungen unter der Tünche in Vergessenheit geraten waren. Das Haus wurde bis weit ins 20. Jahrhundert hinein von der Familie Jagoditsch bewohnt, daher bestand auch immer der Name „Jagoditsch-Haus“.

Der Mannersdorfer Ortshistoriker Oberst Albert Schatek befasste sich bereits in einer seiner rekonstruktiven Zeichnungen mit dem Jagoditsch-Haus. Da die Sgraffiti noch verdeckt waren, dürften ihn besonders die auffälligen Zinnen interessiert haben. In seiner Zeichnung, die wohl in den 1920er- oder 1930er-Jahren entstand, gibt er das Haus im Zustand des Jahres 1885 wieder und zeichnet es ohne Giebel, aber mit geradem Zinnenabschluss. Da Schatek 1885 noch nicht in Mannersdorf war, muss er die Zeichnung nach anderen Angaben erstellt haben. Dass die zeichnerische Rekonstruktion nicht stimmt, konnte er damals nicht wissen, da er die Sgraffiti nicht kannte, die sich am Giebel befinden und zeigen, dass dieser bereits seit dem 16. Jahrhundert existieren muss. Die Idee mit dem geraden Zinnenabschluss ohne Giebel kam ihm wohl beim Vergleich mit dem Frasthaus, das weiter westlich an der Hauptstraße stand und noch um 1900 einen Zinnenabschluss ohne Giebel aufwies.

Ein weiterer Ortshistoriker, Alois Schutzbier, so erzählt sein Sohn Heribert, ging öfters am Jagoditsch-Haus vorbei und bemerkte unter der abbröckelnden Tünche früh, dass darunter Darstellungen verborgen sein dürften. Anlässlich der Fassadenrenovierung im Jahr 1961 stieß man tatsächlich auf die übertünchten Sgraffitoarbeiten, legte sie frei und restaurierte sie. Noch im selben Jahr wurde die hohe Bedeutung des Hauses für die Orts- und lokale Kunstgeschichte erkannt und das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt.

 

2000 wurde eine Restaurierung des Sgraffitohauses vorgenommen, eine weitere folgte vor wenigen Jahren und mittlerweile zeigen sich leider wieder Schäden am Sockel. Eine Belebung und Nutzung des Gebäudes wären wünschenswert, ist es doch eines der letzten historisch erhaltenen Bürgerhäuser im Stadtzentrum, die die gestalterischen Fehlgriffe der letzten Jahrzehnte überstanden.


Foto 1: Sgraffito-/Jagoditsch-Haus vor der Wiederentdeckung der Sgraffiti, um/nach 1900 (?) (Digitales Archiv Stadtmuseum Mannersdorf)

Foto 2: Sgraffito-/Jagoditsch-Haus mit Gasthaus Buchberger/Sprenghof, um 1930 (Digitales Archiv Stadtmuseum Mannersdorf)

Foto 3: Sgraffito-/Jagoditsch-Haus 1885 in der Zeichnung von Oberst Albert Schatek, 1920er-/1930er-Jahre (Digitales Archiv Stadtmuseum Mannersdorf)

Foto 4: Sgraffito-/Jagoditsch-Haus mit freigelegten Sgraffiti, nach 1961 (Digitales Archiv Stadtmuseum Mannersdorf)